American Gods

Histörchen über das Schicksal heidnischer Götter nach Einführung des Christentums fand ich schon immer nett – Heinrich Heine und Rudyard Kipling haben welche hinterlassen. Sogar eine Folge der ersten „Star Treck“-Serie steht unter der Thematik, die Enterprise-Besatzung stößt auf den Original-Griechengott Apollo (dem am Ende gegen alle poetische Gerechtigkeit übel mitgespielt wird – die Folge gehört zu den weniger gelungenen).

Eine weitere Variante lieferte 2001 Neil Gaiman mit seinem Roman „American Gods„, von dem ich nur erfuhr, weil eine Fernsehserie darauf basiert, die ggw. in Deutschland bei Amazon streambar ist und daher in anderen Medien besprochen wird. Da ich – obwohl Amazon-Prime-Kunde – irgendwie aus dem Alter raus bin, in dem man neue Fernsehserien als willkommene Suchtmittel bejubelt, las ich stattdessen das Buch und zwar in der deutschen Übersetzung des vollständigen Werkes (des sog. „Director’s Cut“). Für mich war es spannend und unterhaltsam, trotz seiner Länge von 673 Seiten brachte ich es in wenigen Tagen hinter mich. Wer mit Mythologie und Geschichte überhaupt nichts am Hut hat, dürfte sich allerdings damit langweilen. – Bei Amazon finden sich diverse Rezensionen von Lesern, denen es so ging.

Die Handlung muss ich nicht resümieren, wer diesen Blogeintrag liest, wird mit Sicherheit schon etwas über die Fernsehserie gelesen haben. – Der Roman gehört zu den Büchern, die weder reine Unterhaltungs- noch „höhere“ Literatur sind, sondern sich irgendwo dazwischen bewegen: Auf der gedachten Linie zwischen einem Stephen-King-Kracher  und Thomas Pynchons „Enden der Parabel“ positioniert es sich allerdings viel näher an King als an Pynchon. – Ich erwähne diese Autoren mit Grund: Beider Einfluss spürt man im Buch.

Wie in den Artikeln über die Serie meist erwähnt, ist neben der Religion die Immigration ein wesentliches Thema des Buches – die Götter sind nicht nur selbst Einwanderer in den USA (die ihren Herkunftsländern nachtrauern und ausländische Zigaretten rauchen) sondern sollen offenbar für geistige Erbschaften der europäischen und afrikanischen Vorfahren der US-Bürger stehen, die nicht in das technologisch und kapitalistisch geprägte Klima des Landes passen.

Hier wird das Knirschen im logischen Gebälk allerdings unüberhörbar: Die realen Vorfahren der (weißen) Amis waren natürlich keine Heiden, sondern fromme Christenmenschen – um Jesus drückt sich der Autor aber herum: Er deutet allerdings an, u. a. mit einer nur im Anhang der vollständigen Fassung veröffentlichten Vision des sterbenden Shadow, dass er Jesus – so er denn vorkäme – als höheres Wesen auf keine substantiellere Stufe stellen würde als Wotan oder den irischen Kobold.

Insgesamt bleibt einigermaßen offen, was der Autor uns eigentlich vermitteln will: Die „alten“ Götter werden stets mit Sympathie geschildert, auch wenn sie ihr Dasein primitivstem Aberglauben verdanken und auch noch von Menschenopfern leben wie etwa der alte Hinzelmann (nicht zu verwechseln mit den Heinzelmännchen, der Unterschied läßt sich bei Wikipedia ermitteln). Für die neuen Götter scheint er weniger übrig zu haben, sie sind aus Bytes zusammengesetzte Kotzbrocken. Das „Land“ als der „eigentliche“ Gott in den USA – ein büffelköpfiger Indianer – ist nicht mehr als ein Lückenbüßer, der eine fehlende positive Ideologie ersetzen soll.

Man verstehe mich nicht falsch: Nicht dass ich denke, dass ein Roman unbedingt so etwas wie eine „Aussage“ haben müsste, um der Götter willen, nein. Der Punkt ist, dass dieser Roman so tut, als hätte er eine. – Wie auch immer, es ist ein Buch, das ich genoss und für diesen Zweck hatte ich es erworben.

Falls jemand es kennen sollte: Dietmar Daths „Leider bin ich tot“ ist deutlich davon beeinflusst. (Und in ähnlicher Weise hohl.)

Psychoanalytische Lösung der Moslemfrage

Gestern erschien in der Online-Ausgabe der „Rheinischen Post“ unter der Überschrift „Beschneidung ist ein Akt der Gewalt“ ein Gastartikel des „Düsseldorfer Psychotherapeuten“ Professor Matthias Franz

Die Argumentation dieses Artikels beginnt mit der (plausiblen) These, dass es aus medizinischer Sicht keinen Grund gibt, kleinen Jungs ihre Vorhaut abzuschneiden. In der Folge erinnert Franz an eine vergangene mediale und juristische Debatte über das Thema „religiöse Beschneidung“, bei der es vor ca. fünf Jahren um eine Abwägung zwischen dem Recht auf freie Religionsausübung einerseits und dem Recht auf körperliche Unversehrtheit andererseits ging. – Und dann betritt er IMHO mit flottem Schritt den Bereich des Haarsträubenden:

„Dieser […] Eingriff enthält eine Botschaft der Gewalt. Sie bewirkt bei vielen Jungen starke und bleibende Ängste um ihre Männlichkeit und als Absicherungsreaktion dagegen einen hochkränkbaren männlichen Ehrbegriff.“

Gerade in der Vorschulphase – so erfahren wir – haben Jungen nämlich „besonders große Ängste um ihr Glied“. Die durch das Beschnittenwordensein bewirkte Verunsicherung kann der betroffene Junge – so heisst es weiter – nur durch „eine Identifikation mit dem väterlichen Aggressor und eine hieraus erwachsene patriarchalische Loyalität“ bewältigen. Und weil die Mutter ihn nicht beschützt hat, wird der Junge später „einen tiefen Groll und Ängste vor einer unkontrollierten Weiblichkeit und einer selbstbestimmten weiblichen Sexualität“ entwickeln.

Zusammengefaßt: Wer im Vorschulalter beschnitten wurde, legt später besonderen Wert auf seine Ehre, hat ein merkwürdiges oder feindseliges Verhältnis zu Frauen und identifiziert sich mit dem Patriarchat. Und kennen wir nicht Leute, von denen wir meinen, dass sie genau so denken? – Ja, nämlich muslimische Männer, und siehe da! Sie sind meist beschnitten.

Ein naiver Leser könnte das alles für Wissenschaft halten, immerhin lädt der professorale Autor für den 8. Mai zu einer Fachtagung in die Universitätsklinik Düsseldorf ein. Ich persönlich halte es für islamfeindlichen Bullshit, der implizit einen gar nicht kleinen Teil der Weltbevölkerung – nämlich die beschnittenen muslimischen Männer – zu quasi-geisteskranken Opfern ihrer Beschneidungstraumata erklärt.

Professor Franz leistet mit seiner Erklärung für Verhaltensweisen, die er für typisch islamisch (oder männlich-islamisch) hält, fast dasselbe wie ein Rassist mit seinen Ideen. Das Verhalten ist zwar nicht mehr durch rassespezifische Erbanlagen bestimmt, sondern „nur“ durch ein frühkindliches Trauma, die Diffamierung geht aber in ähnliche Richtung – wer Normen vertritt und lebt, die von unseren stark abweichen, der kann das nur als Marionette (seiner Gene oder seiner Neurosen) tun und nicht als vernünftiger Mensch. Und – so ließe sich ergänzen – Marionetten kann man nicht durch gutes Zureden von ihren Fäden schneiden, wie sollten sie also in unsere freie Welt integrierbar sein?

Professor Franz ist Psychoanalytiker, scheinbar ein ziemlich orthodoxer. Orthodoxe Psychoanalytiker, die der Lehre des – in Franz‘ Augen „genialen und mutigen“ – Sigmund Freud folgen sind (als solche) keine Wissenschaftler. Sie sind eher mit Homöopathen vergleichbar. Nach empirischen Belegen für die Behauptung, dass sich Jungen im Vorschulalter besonders um ihr Glied ängstigen, müssen wir genauso wenig fragen wie nach Belegen für die Wirksamkeit von D12-Globuli. Annahmen dieser Art stützen sich nicht auf Erfahrung. Sie werden lediglich von einer Theorie gefordert, die es aufgrund ihrer Genialität nicht nötig zu hat, in die reale Welt zu blicken.

Es hätte daher auch keinen Sinn, den Autor daran zu erinnern, dass Ehre ein soziales Konstrukt ist, das sich im „Ehrgefühl“ nur spiegelt, oder dass Studenten und Offiziere der deutschen Vergangenheit (wie auch die Angehörigen der SS) übersteigerte Ehrbegriffe hatten und dabei im Vollbesitz ihrer Vorhäute waren, oder dass es heute noch jede Menge Christen gibt, deren patriarchalisches Frauenbild sich von dem streng muslimischer Männer kaum unterscheidet. – Matthias Franz kennt diese Argumente mit Sicherheit, denn er posaunt seinen Beschneidungssermon schon seit Jahren in die Welt. – Ich bezweifle, dass sie ihn interessieren.

Österlicher Doppelkorn

DSC_0612bWährend es unbestreitbar eine Weihnachtsstimmung gibt, die im Dezember die seelischen Haushalte durcheinander bringt, und es eine philosophische Frage ist, ob sich einer auch dann in diesem Zustand befinden kann, wenn er von Weihnachten gar nichts weiß, ist es Menschen, so scheint es jedenfalls, nicht gelungen, ein analoges Osterfeeling zu entwickeln – obwohl Ostern mit derselben Anzahl Feiertage aufwarten kann. Es ist sogar im theologischen Sinne das wichtigere Fest, da es ohne Auferstehung keine Erlösung von unseren Sünden gibt. – Diese emotionale Lauheit verlangt nach einer Erklärung (dass sie danach „schreit“, passt nicht zum Wesen einer Lauheit).

Ostern ist, wenn wir den Heiland außer Acht lassen, ein Frühlingsfest, ja eigentlich das Frühlingsfest in Nordeuropa, da Karneval noch zu winterlich und Pfingsten schon zu sommerlich ist. Im Hintergrund der österlichen Szenarien mit Häschen, Küken, Eiern, die uns von den Umverpackungen der Süßigkeiten anspringen, lächelt zuverlässig die Sonne vom blauen Himmel. Nicht, dass sie an Ostern wirklich scheint (häufiger, wie auch in diesem Jahr, regnet es), aber die Beziehung des Frühlings zur Sonne ist in der Tat eine besondere, weil die fette Alte („fat old sun“) in dieser Jahreszeit vor Ungeduld immer früher aus dem Bett und immer später wieder hineinkommt und eines Tages im Zuge dieser Krise der Sommer erscheint, auf den sie gewartet hat.

Der Frühling ist, könnte man sagen, eine unselbständige Vorphase des Sommers (ohne Sommer würde es ihn nicht geben), doch auch das liefert uns nicht den Schlüssel zum Fehlen einer spezifischen Osterstimmung. – Wohl aber zur Symbolik des Eis, die mit Ostern verknüpft ist: Das Ei ist wie der Frühling vorläufig; aus Eiern hat etwas zu schlüpfen – die unbefruchteten Eier, die wir in die Pfanne hauen, sind eine Monströsität der modernen Landwirtschaft, die ermöglicht wird, indem man die Hühner ohne die (als Küken geschredderten) Hähne lässt, was in der Natur nicht vorkommt. – Aus dem Ei des Frühlings schlüpft der Sommer, und wer jetzt auf den Hasen zeigt, aus dem bekanntlich nichts schlüpft, jedenfalls nicht in diesem Sinne, dem werde ich unter die Nase reiben, dass der Osterhase als Eiermann kein Symbol ist, sondern nur eine Hilfskraft, die etwas trägt (in einem Korb), was sie selbst nicht ist.

DSC_0612bEs gelingt uns also weder, eine Osterstimmung festzumachen, noch ihr Fehlen zu erklären. Sollen wir deshalb die Hände in den Schoß legen? Nein. Wir können (wie immer) durchaus etwas Sinnvolles tun, wir können nämlich irgendeine, beliebige Stimmung zur Osterstimmung ernennen. Dieser Akt wäre eine zweifache Erleichterung – quasi ein österlicher Doppelkorn – und sollte feierlich vollzogen werden. Nach seiner Ausführung hätten wir nicht nur eine Osterstimmung, die wir festmachen können, sondern wären auch der Notwendigkeit überhoben, die Ursache ihres Fehlens zu ermitteln. Was mich betrifft, so schlage ich die Stimmung der großen Albernheit vor, die mich gerade heimsucht, obwohl noch nicht Ostern ist. – Ich wünsche allen ein fröhliches.

Jazz und sein Genusswert

Digital StillCamera
Die Sonne des Jazz geht auf!

Eine Bekannte von mir hatte sich – vor vielen Jahren, wir waren noch in den Dreißigern – auf hochsommerliche „Jazztage“ verirrt und dort ein prägendes Erlebnis: Sie erblickte einen fetten, alten Mann und dieser fette alte Mann trug ein T-Shirt mit der Aufschrift „I love Jazz!“, flankiert von Schweißmonden. Eine Musikrichtung, die von diesem Fan repräsentiert wurde, musste der Gipfel der Anti-Coolness sein und in einer Frau, die auf die Vierzig zuging, Abgrenzungspanik erwecken: „Nein, so bin ich (noch) nicht! Nein, nein, nein!!! – Ich will in die Disco!

Wer seinen Musikgeschmack als Signalflagge vor sich herschwenkt, um anderen Leuten die eigene jugendliche Hipness zu zeigen, ist mit Jazz nicht gut bedient, das ist schwer zu leugnen: „Bei Onkel Pö spielt ’ne Rentnerband seit 20 Jahren Dixieland“ … Nun gut, für die Lautäußerungen des – nach Ansicht Stuckrad-Barres – großen deutschen Lyrikers, der Anfang der 70ger diese Zeilen schrieb, gilt mittlerweile zweifellos dasselbe. Wer hip sein will, mache einen Bogen darum und sicherheitshalber die sizilianische Fingergeste, mit der man sich gegen den bösen Blick der Greise schützt.

Es klingt vielleicht befremdlich, aber ich bin der Ansicht, dass man Musik auch einfach genießen kann. Nur so, als Musik. Man muss niemandem davon erzählen, und man kann mit Kopfhörern jede noch so intolerante Außenwelt daran hindern, sie mitzuhören. Kein Coolness-Wächter wird es erfahren, wenn man die Musik fetter alter Männer hört und somit spielt es keine Rolle mehr, dass es die Musik fetter alter Männer ist. Man kann ohne jedes Risiko testen, ob die fetten alten Männer mit den Jazz-T-Shirts vielleicht etwas entdeckt haben, was auch für jüngere und schönere Menschen von Wert ist. – Und, wer weiß, eines Tages findet man womöglich heraus, dass es einem ganz egal ist, was andere Leute vom eigenen Musikgeschmack halten.

Ich teilte die eben skizzierte jugendliche Vorverurteilung des Jazz. Als ich begonnen hatte, Popmusik zu hören, legte ich auch einmal eine Jazzplatte meines Vaters auf den Teller – Louis Armstrong mit Ella Fitzgerald, aus den 30ger Jahren. Es wirkte entsetzlich auf mich, ranzig und uralt – obwohl es das noch nicht einmal war: Diese Musik war damals ca. 40 Jahre alt, also nicht älter als heutzutage die Gitarrendröhnungen der Sex-Pistols. Vielleicht hat ein jugendlicher Hiphop-Fan, der eine Punk-CD seines Papas hört, ähnliche Empfindungen wie ich damals – es könnten aber auch entgegengesetzte sein: Der Jazz der Dreißiger ist viel weiter weg vom Pop der 70ger als dieser vom Pop der Gegenwart, nicht so sehr aus musikalischen Gründen, sondern weil im ersten Fall eine Kulturrevolution dazwischenliegt – nämlich die wilden 60ger, in deren Einflussbereich wir immer noch leben.

Meine Einstiegsdroge war dann Miles Davis. Das ist nicht nur nicht überraschend sondern regelrecht zum Gähnen, denn unzählige Jazzfans sind über ihn zu dieser Musik gekommen. Offenbar ein völlig anderer Jazz als der Big-Band-Swing meines Vaters, elegant, irgendwie abstrakt, teils wahnsinnig schnell, faszinierte mich das Gehörte sofort, nachdem ich aus einer spontanen Laune heraus im „Karstadt-Plattenhaus“ in Essen eine Kassette mit Liveaufnahmen aus der Kind-of-Blue-Zeit erworben hatte. – Nun, ich musste die Kassette noch ziemlich häufig hören, bevor ich die Musik „verstand“ – mit diesem Ausdruck meine ich lediglich, wie die meisten Leute, die ihn verwenden, dass ich es gelernt hatte, die Musik zu genießen. (Man lernt es schlicht durch wiederholtes Hören. No secret, really!)

Es war ein „Heureka!“-Moment, ein Sonnenaufgang im Kopf, der mich zu der Auffassung bekehrte, dass es keine schönere Musik auf der Welt geben kann. Das war natürlich der rosa Quark, den das Hirn eines frisch Verliebten absondert. – Nachdem ich mich monate- und jahrelang durch diverse Davis-Platten gehört, nebenbei noch den Bebop gestreift hatte und schließlich zu John Coltrane gewechselt war (nach wie vor mein Favorit), erwachte ich eines Morgens sozusagen verkatert – und wollte nur noch eines hören, nämlich guten alten Rock‘n Roll, Aerosmith, Clash, die Beatles, irgend so etwas. – Moderner Jazz ist in der Tat eine wundervolle Musik, die vom Genusswert her mit allem anderen mithalten kann, was die Welt der Töne zu bieten hat, aber er ist – ich schäme mich fast, das zu sagen – in seiner Vielfalt ein wenig eingeschränkt. Innerhalb der Stile ist sich alles ähnlich, und wenn man einige Zeit nur Jazz gehört hat, kommt der Moment, in dem man genug davon hat und reif für eine Pause ist – und für andere schöne Musik, die es eben auch noch gibt. – Seit einigen Jahren wechsle ich in meinen Hörgewohnheiten zwischen Rock/Pop- und Jazzphasen, die ca. 3 bis 6 Monate dauern, und in denen sich die jeweils nicht gehörte Musik quasi wieder verjüngt. Es ist dies ein Modus, der maximalen Genuss garantiert, ich kann ihn empfehlen.

Wer Jazz nicht kennt und ihn gerne einmal probieren möchte, dem würde ich empfehlen, sich die folgenden drei Platten zuzulegen, und so oft in die Ohren zu ziehen, bis er sie „versteht“ (in dem oben erwähnten Sinn). Die Empfehlungen sind äußerst trivial:

  • Miles Davis: Kind of Blue
  • John Coltrane: Giant Steps
  • John Coltrane: A Love Supreme

Wer diese Platten genießen kann (besser gesagt: uneingeschränkt toll findet), dem ist der gesamte moderne Jazz ab dem Bebop zugänglich – mit Ausnahme des Free Jazz, der zusätzliche Einhör-Anstrengungen erfordert. Doch auch dieser jedem Nichteingeweihten Kopfschmerzen garantierende Krawall ist (anders als atonale E-Musik, jedenfalls meiner Erfahrung nach) genießbar, sogar sehr genießbar, ich versichere es!

Was den vormodernen Jazz betrifft – sein Genusswert scheint geringer, zum Teil wohl deswegen, weil er jahrzehntelang von Radios und Fernsehern totgedudelt wurde. Ich persönlich ziehe den frühen Jazz bis zu den Dreißigern dem Bigband-Jazz der 40ger vor. Den alten Jazz findet man übrigens zu größeren Teilen gratis als MP3s im Internet, etwa auf archive.org. Man muss sich also keine CDs kaufen, es sei denn, man will damit angeben – wobei man allerdings riskiert, von Gästen, die sie im Regal stehen sehen, in die Kategorie der fetten alten Männer mit den Jazz-T-Shirts einsortiert zu werden.

Ich schnupfe, wie Casanova in Köln

DSC_0013Drei Monate bin ich jetzt rauchfrei – rauchfrei (auch dampffrei) und jedenfalls nahezu nikotinfrei, da die Dosis, die aus einer Prise Schnupftabak in die Blutbahn geht, homöopathisch zu sein scheint bzw. ihre Kraft beim Reizen der Nasenschleimhäute zum größten Teil aufbraucht. – Viele berühmte Menschen haben regelmäßig geschnupft, Friedrich der Große, Napoleon, Charles Darwin und auch Casanova. – Ich wüßte wahnsinnig gerne, welche Art Tabak in die Nasen dieser großen Feldherren, Forscher und Abenteurer wanderte, nicht aus Verehrung für ihre Taten, sondern weil sie ihn regelmäßig verwendeten ohne als chronische Nießer bekannt zu sein.

Über Casanova, dessen Lebenserinnerungen ich – wie in diesem Blog schon mal erwähnt – meiner Mitbewohnerin vorlese, was wegen der Länge des Werkes eine Angelegenheit von Jahren ist, kann ich sagen, dass er die Bildnisse seiner zahlreichen Exen in der Form von Schnupftabakbehältern aufbewahrte. Im Rokoko schenkten sich Liebende solche Dosen aus Edelmetall, in deren Deckel sich das Miniaturgemälde des Schenkenden befand, und falls man die Person später nicht mehr sehen wollte, konnte man ihr beim Schnupfen ja evt. Tabakpulver ins Gesicht streuen. – Als Casanova eine Affaire mit der Frau des Kölner Bürgermeisters hatte (ja, wirklich, hatte er!) und sich, um den Vollzug des Ehebruchs anzubahnen, in einer Kirche versteckte litt er unter dem Umstand, dass er nicht schnupfen konnte, da ihn das Geräusch des Schneuzens verraten hätte. – Was beweist, dass er psychisch abhängig war, also in dem Zustand, den ich erzielen möchte.

Was man hierzulande – im Rheingebiet und im Ruhrland – an Schnupftabak erwerben kann ist fast immer mentholisiert, d. h. Fisherman’s Friend für die Nase. Auch die Plastikdose, die der alte Helmut Schmidt nervös in den Händen drehte, wenn er in einer Talkshow saß und nicht rauchen durfte, enthielt genau solchen Tabak (und womöglich das Bild von Ruth Loah, wer weiß). Woraus man folgern kann, dass er nur sehr selten und im äußersten Notfall dazu griff, denn es ist nach meinen Erfahrungen unmöglich, mentholhaltigen Tabak regelmäßig zu schnupfen ohne dass es auf eine für den Schnupfer und sein Publikum auf je unterschiedliche Weise häßliche Dauersekretion hinausläuft.

Ich habe dementsprechend in NRW noch keinen Menschen getroffen, der regelmäßig geschnupft hätte. Ich selber probierte das Zeug, da es wegen des Nikotingehaltes eine interessante Nähe zum verrucht-verbotenen Rauchen hatte, in meinen frühen Teenagerjahren, und in der Tat scheinen Schüler hierzulande die Hauptabnehmer zu sein, jedenfalls wenn ich nach den Internet-Foren gehe, in denen sich Snuff-Konsumenten austauschen. – Ja, es finden regelrechte Mutproben mit stark mentholhaltigen Pülverchen statt, die man sich, bevorzugt auf Schultoiletten, unter Einsatz von Lungenkraft bis dicht unter die Schädeldecke zieht, weil das im Kopf so schön knallt. Wenn man sehr jung ist, liebt man Explosionen und wenn man wild herumrotzt, provoziert das vielleicht nicht ausreichend abgehärtete Lehrkräfte.

Früher muss die Szene erwachsener und seriöser gewesen sein, denn die hart malochenden Bergleute waren – da man unter Tage nicht rauchen durfte – notorische Schnupfer. Das Zechensterben hat das Kumpeltum und seine Sitten leider mit sterben lassen, und nirgendwo im Internet konnte ich erfahren, welchen Stoff die Leute damals in ihre Nasen saugten (die sie – anders als ich – nicht regelmäßig abwischen mussten, weil sie ohnehin schwarz waren).

Aber wie jeder weiß, ist das Schnupfen in Deutschland wesentlich eine bayerische Angelegenheit, als welche es wie andere altertümliche Sitten im Schutz der Berge überlebte, während der Rest der Welt zuerst auf Zigarren und dann auf billige Zigaretten umgestiegen war. Es gibt tatsächlich in Bayern noch Menschen, die wie im 18. Jahrhundert eine gepflegte Schnupftabaksucht unterhalten, und in dieser Hinsicht betrachte ich sie als Vorbilder, obwohl sie womöglich den Seehofer verehren. Die einschlägigen Tabake sind frei von Menthol, sie heißen Schmalzler oder Virginie. Man kann sie in NRW online bestellen.

Ich benutze jetzt diese reizarmen Sorten, sie sind in etwa das, was ich suchte, und so finde ich allmählich meinen Frieden und meinen Nachtschlaf wieder und (vielleicht) auch meine Kreativität – denn Rauchverzicht ist für ältere starke Raucher keine leichte Sache und sieht einer Lebenskrise verdammt ähnlich. – Doch nach wie vor wüßte ich gerne, von welchem Tabak Napoleon im Monat mehrere Pfund verbrauchte. Es muss ein tolles Stöffchen gewesen sein.

Endlich/Leider Nichtraucher!

dsc_0023Vor etwa zehn Jahren gab ich zuletzt das Rauchen auf, ich hielt etwa zwei Jahre durch, dann entschloss ich mich, wieder anzufangen. Nicht etwa, weil ich die ständige Schmacht nicht mehr aushielt – die hat man nur in den ersten Tagen. Der Grund war, dass ich zwei Zentner erreicht hatte, ohne dass ein Ende der Gewichtszunahme in Aussicht war. Manche Leute werden auf ästhetische oder wenigstens zu ihrem Typ passende Weise dick, wenn sie dick werden. Ich, ein Meter neunzig lang und schmal gebaut, bin keiner von diesen. Ich entschied mich, lieber ungesund als entstellt leben zu wollen, und wurde die ca. 20 Kilo, die mir die Nikotinabstinenz bis zu diesem Zeitpunkt eingebracht hatte, durch Rückkehr zur Zigarette in wenigen Monaten wieder los, ohne Diät oder Joggen. – Nur durch Rauchen.

Seit zweieinhalb Wochen bin ich erneut Nichtraucher, mit der festen Absicht, es zu bleiben, denn meiner Lunge wurde ein Schaden bescheinigt, sein Name ist Emphysem. – Wenn man nach dreißig Raucherjahren erstmalig den Brustkorb röntgen lässt, weil die aktuelle Bronchitis einen seltsam hartnäckigen Verlauf und der zugehörige Husten einen pfeifenden Beiklang hat, ist man mit dieser Diagnose ganz zufrieden. Mit Emphysem kann man uralt werden – vorausgesetzt, man stellt das Rauchen ein. Gibt man es nicht auf, nähert man sich verlässlich einer Endphase, während der man in der einen Hand die Zigarette und in der anderen die Sauerstoffflasche hält – die haltenden Finger sind dann übrigens blau.

Ein starker Raucher, der abstinent wird, erleidet zunächst einen körperlichen Entzug. Bei mir dauerte er zwei Tage, Tage in denen ich mich nicht gesund fühlte, ständigen Hunger nach Zigaretten verspürte und nicht wußte, was ich mit meinen Fingern tun sollte. Mein kleintierfreundliches Gemüt und die Jahreszeit hinderten mich daran, am Fließband Insekten zu zerlegen, was präzise die passende Beschäftigung gewesen wäre. – Doch man lasse sich nicht täuschen: Der körperliche Entzug mit der sog. Schmacht ist ein Papiertiger. Zwei Tage Ausnahmezustand dieser Art lassen sich verkraften. Wer die nicht aushält, hat jedes Recht der Welt, sich als Weichei zu bezeichnen. – Viel problematischer ist nämlich das, was darauf folgt:

Es gibt Leute, die mit dem Rauchen aufhören und danach weder verdrießlich noch fett werden, sondern gleichbleibend schlank und fröhlich weiterleben (ein bekanntes Beispiel ist Lucky Luke mit seinem Grashalm). Diese Leute sind in der Regel recht jung und sie haben viel weniger geraucht als z. B. ich. Ich stopfte an jedem Wochenende 280 Zigaretten, weil ich täglich vierzig davon in Rauch aufgehen ließ, an Haltestellen, auf Balkonen und in der firmeneigenen Raucherecke. Einige auch in der Küche, so etwa die erste Zigarette am Morgen, die ich als typischer Suchtraucher  spätestens zehn Minuten nach dem Gewecktwerden anfeuerte.

Wenn die Zigarette wie in meinem Fall ein so prominenter Teil des Lebens war, ist der Verzicht darauf eher mit einer Amputation  vergleichbar als mit der Aufgabe einer unerwünschten Gewohnheit durch einen simplen Entschluss – wie etwa dem Entschluss, fortan nicht mehr öffentlich in der Nase zu bohren (den wir alle irgendwann fassten). Das amputierte Glied wird auch hier schmerzlich vermißt, auch wenn es nie den Nutzen eines echten Gliedes hatte und die Operationswunde längst verheilt ist.

Genauer gesagt: Alles, was man üblicherweise mit einer Zigarette in der Hand zu tun pflegte, macht keinen rechten Spaß mehr und schmeckt lasch und lau. Der Blick auf eine schöne Landschaft? Wenig wert, ohne eine Zigarette. Das Gläschen Wein am Kaminfeuer? Wie öde, Alkohol ohne Rauchen. Ein leckeres Essen im Restaurant – schmeckt doch jetzt viel besser, nicht wahr, ohne Nikotin? Stimmt, aber die Zigarette davor fehlt. Und die danach. Sie fehlt fürchterlich, auch dann, wenn man genau weiß, dass sie nicht schmecken würde, weil man die Schmacht längst los ist. – Das ist gemeint, wenn von „psychischer Abhängigkeit“ die Rede ist. Es handelt sich dabei nicht  um einen Papiertiger.

Den Verlust von Körperteilen kompensiert man mit Prothesen, ein starker Raucher, der abstinent wird, tut gut daran, sich gleichfalls einen Ersatz zu suchen. Bei meiner letzten Abstinenz hatte ich das versäumt, bzw. mich auf „mehr essen“ beschränkt, und glücklich war ich erst, als ich wieder rauchte – ein Notausgang, der mir jetzt nicht mehr offen steht.

Was für Möglichkeiten gibt es – welche Prothesen sind im Angebot? Nun, es gibt diverse, sie teilen sich ein in nikotinfreie und nikotinhaltige. Nikotinfrei ist z. B. Schokolade. Das Ritual des Rauchens wird durch das Ritual des Schokolade-Essens ersetzt, ein Riegel pro entgangener Zigarette. Kurzfristig würde das vermutlich sogar funktionieren und die Lebenszufriedenheit des Ex-Rauchers wiederherstellen. – Eine Alternative ohne die offensichtlichen Nachteile dieses Verfahrens soll, wie es heisst, das Knabbern roher Möhren  sein: Ich glaube nicht daran. Wenn Essen für einen Kick sorgen soll, muss es süß und/oder fettig sein, jedenfalls entspricht das meiner Erfahrung. Möhren kicken nicht, wenn man sie isst, sie knacken nur.

Ebenfalls nicht in Frage kommt für mich die Underberg-Methode, allein schon weil vierzig Fläschchen Schnaps am Tag mehr kosten als vierzig Zigaretten, obwohl die Methode sicherstellt, dass man nicht am Emphysem stirbt, sondern an Zirrhose. – Ich finde (und das ist jetzt kein Scherz), Rauchersatz sollte immer billiger sein als Rauchen selbst, denn zu den wenigen nicht zweideutigen Belohnungen für die Aufgabe des Rauchens gehört der Geldgewinn.

Was auch noch erwähnt werden muss: Manchen Menschen gelingt es, mit der Hilfe eines Psychopharmakons vom Rauchen loszukommen. Diese Pille schafft es offenbar, den spezifischen Frust restlos zu beseitigen, den die Raucherpsyche produziert, wenn ihr die Zigaretten fehlen. Die Frage ist natürlich, was geschieht, wenn man das Mittel eines Tages absetzt. Ich habe den Verdacht, dass der Frust einfach wieder da sein wird, so dass man für das Medikament einen Ersatz benötigen wird – z. B. Zigaretten.

Ich habe mich entschlossen, es mit einer nikotinhaltigen Prothese zu versuchen, und zwar zunächst mit der billigsten, nämlich Schnupftabak. Schnupftabak ist nicht so gesund wie rohe Möhren, er kann die Nasenschleimhaut schädigen, aber falls er Krebs verursacht, tut er es nicht auf auffällige Weise. Mit der Lunge hat er gar nichts zu schaffen (das unterscheidet ihn vorteilhaft von der E-Zigarette, mit der ich zuerst geliebäugelt hatte). Anstelle des Rauchrituals tritt ein Schnupfritual, hinter dem gleichfalls eine jahrhundertealte Tradition  steht – für manche Leute, auch für mich, hat so etwas aus ästhetischen Gründen Bedeutung. (Nikotinkaugummi – wie kulturlos!) – Da mir das alte Gift wieder zugeführt wird, dürfte sich die Gewichtszunahme reduzieren, jedenfalls hoffe ich das. – Denn drei Kilo sind es jetzt schon.

Wie das Experiment ausgeht, ob ich dabei bleibe oder ob ich zu einer anderen Prothese greife oder gar auf alle Prothesen verzichte – Leser meines Blogs werden es erfahren.

Rotkehlchengott

rrrWenn man in seiner Wohnung raucht, hat das – meiner Erfahrung nach – den Vorteil, dass die Zahl der Spinnen abnimmt, die den Mietern mitunter (meist nach Einbruch der Dämmerung) als beweglicher Ekelfleck ins Blickfeld krabbeln. Davon abgesehen, ist es kein Benehmen, das ich empfehle: Der Teerbelag auf Wänden und Mobiliar ist nicht nur schädlich für Ungeziefer sondern bildet auf hellen Flächen gelbliche Schleier aus, die im Laufe der Zeit dunkler werden – nicht braun, obwohl Braun farbtheoretisch das dunkle Gelb ist, sondern grau. Natürlich stinkt diese Schicht nach dem teuren Nikotin, das sie enthält und nach einigen Jahren Wachstum könnte man sie abkratzen und in die Pfeife stopfen.

Da ich keine Pfeife habe und daher keine Verwendung für Stinkbeläge, rauche ich gewöhnlich auf dem Balkon, was allerdings nicht immer angeht. Die Balkontür befindet sich im Schlafzimmer, sie ist nicht geräuschlos bedienbar. Wenn meine Mitbewohnerin dort ruht, will ich sie nicht wecken und mich dafür – let’s call a spade a spade – anmeckern lassen. Unter solchen Umständen stelle ich mich mit meiner Zigarette an das Küchenfenster, das zu allen Tageszeiten auf Kipp steht und so die erwähnte Schleierbildung erschwert.

Am vorletzten Sonntag ereignete es sich, es war ein kalter und trüber Morgen, dass ich gegen 10 Uhr mit einer frisch gestopften und chemisch noch inaktiven Zigarette in den Fingern die Küche betrat und sie – besetzt fand. Nicht von meiner Mitbewohnerin, die im Bett lag, auch nicht von einem Einbrecher oder Nachtmahr, sondern von einem Rotkehlchen. Es saß auf dem runden schwarzen Plastikdeckel des Smoothie-Mixers, wo es nicht hingehörte. Ich störte es beim Stuhlgang, das stellte sich aber erst später heraus.

Rotkehlchen sind hübsche, kleine Vögel, denen man ihre Abstammung von großen Raubsauriern nicht ansieht. Sie haben den carnivoren Lebensstil dieser Vorfahren geerbt, zerreißen aber nicht mit Hilfe scharfer Gebisse andere Dinos, sondern picken mit Schnäbeln nach Mücken und Würmchen. Einen Teil der Lebendnahrung finden sie in den Spuren großer Tiere, deren Nähe  sie aus diesem Grunde suchen, wobei – wie bei evolutiv erworbenen Verhaltensweisen üblich – nur der Mensch allein den Sinn der Sache kennt und die Rotkehlchen selbst nichts davon wissen: Sie fühlen sich ganz einfach wohl in der Gegenwart von Geschöpfen, die im Vergleich zu ihrer eigenen Größe monströs sind. Was sie nicht persönlich meinen, wie man es Rotkehlchen gerne unterstellt, wenn man sie für „zutraulich“ hält.

Das plötzliche Erscheinen meiner gigantischen Person war für das Rotkehlchen auf dem Mixer wohl etwas zuviel Nähe: Es machte sich auf eine rasche Flucht nach oben, die an der Fensterscheibe stockte, bevor es sich auf dem Rand der Spüle erneut niederließ. Von dort aus beäugte es mich. Vielleicht dachte es: „Das ist ja nur ein großes Vieh, was beunruhige ich mich? Ich sollte seine Fährte auf Würmer untersuchen“, doch dieser Gedanke war nicht nachhaltig, denn es versuchte erneut, durch das Glas zu fliegen und flatterte verständnislos an der Scheibe wie ein Insekt – was seine Intelligenz in ein zweifelhaftes Licht rückte. Insbesondere, da die Scheibe keineswegs brillantklar unsichtbar war, sondern schmutzig. Ich wäre sicher nicht dagegen geflogen.

Es half nichts, ich musste etwas tun, wenn ich nicht riskieren wollte, dass der panische Vogel sich das mit dem transparenten Festkörper überforderte Köpfchen einstieß. Die vollständige Öffnung des Fensters war das Verfahren der Wahl, da nicht damit zu rechnen war, dass dem Rotkehlchen noch einfallen würde, wie es in die Küche hineingekommen war, nämlich durch den Fensterspalt. (Abgesehen davon, dass es auch noch hätte schlussfolgern müssen, dass der umgekehrte  Weg ins Freie führt.)

Natürlich war das Fensterbrett vollgestellt, nämlich mit Topfpflanzen von der genügsamen und etwas verstaubten Sorte. Denen macht meine Nähe überhaupt keine Angst, so dass sie sich, im Unterschied zum Vogel, nicht von alleine entfernten, als ich auf das Fenster zuschritt. Sie wollten getragen werden, während das Rotkehlchen in den hinteren Raumteil flatterte, wo es sich still verhielt, während ich tätig war. Vielleicht spähte es auf dem Küchenboden nach den Tierchen, die meine Hufen freigelegt hätten, wäre ich z. B. ein Rind auf schlammigem Feld gewesen.

Oder es hatte mich richtig als Gott  identifiziert, der soeben ein unbegreifliches Wunder ins Werk setzte, um ihm die Freiheit wiederzugeben. Jedenfalls schnurrte es an meinem Kopf vorbei, als das Fenster endlich offenstand. Es flog sehr schnell, wie aus der Pistole geschossen, in gerader Linie durch unseren Garten, über den Lebensbaum hinweg und verschwand in der nebligen Ferne ohne sich ein einziges Mal umgeblickt zu haben, wodurch es seine Unhöflichkeit bewies. – Ich verzieh ihm.

Meine Erfahrung mit Albträumen

Digital StillCamera„Ich träumte von bunten Blumen,
So wie sie wohl blühen im Mai;
Ich träumte von grünen Wiesen,
Von lustigem Vogelgeschrei.“

So heißt es in einem der Lieder aus Schuberts „Winterreise“ – die Realität nach dem Erwachen war dann gar nicht frühlingshaft, sondern „kalt und finster, es schrien die Raben vom Dach“. – Offenbar gönnte sich der einsame romantische Wanderer einen Wunschtraum, das kommt vor, obwohl es – wie man heute weiß – mehr unangenehme als schöne Träume gibt.

Zumindest ist das die Lehrmeinung, denn ich könnte mir gut vorstellen, dass der Anteil an Wunschträumen etwas mit der Komfortabilität des Wachseins zu tun hat: Wer seinen Tag frierend und / oder hungrig mittelalterlicher Feldarbeit opferte, hatte danach vielleicht ganz andere und glückseligere Träume als die Leute von heute, deren Trauminhalte von Psychologen oder Schlafforschern notiert werden. Die Albtraumlastigkeit unserer Nächte ist vielleicht der Preis für den Fortschritt, der dafür gesorgt hat, dass wir im Vergleich zu unseren von Mangel, Krieg und Schmerzen geplagten Vorfahren recht wunschlos vor uns hinleben.

Ich möchte in diesem Beitrag von meinen Albträumen erzählen, was nicht bedeutet, dass ich mehr davon habe oder hatte als gewöhnliche Leute. Für einen Blogeintrag sind sie einfach geeigneter, u. a. weil die sonstigen  entweder nicht jugendfrei sind oder todlangweilige Urlaubsidyllen, die nur Spaß machen, solange man sie träumt.

Das Wort „Albtraum“ hat bekanntlich etwas mit Elfen, also übersinnlichen Wesen zu tun, es spielt damit eigentlich auf eine bestimmte Art von Traum an, die heute als „halluzinatorische Schlaflähmung“ oder „Old-Hag-Phenomenon“ bekannt ist: Der Träumer fühlt sich völlig wach, kann sich aber nicht rühren, und in seiner Nähe oder gar auf seiner Brust oder sonstwie in Tuchfühlung mit ihm befindet sich ein unheimliches, gesichtsloses Monstrum – volkstümlich der „Alb“ oder „Nachtmahr“ – das als äußerst angsterregend empfunden wird. Träume dieser Art sind von wirklichem Erleben kaum zu unterscheiden, meine Mitbewohnerin – die einen durchmachen musste – bestätigt mir das. – Ich persönlich kenne die Erscheinung nicht. Ich bin nicht traurig darüber.

Mein Lieblingsphilosoph Wittgenstein schrieb einmal, dass Träume mindestens die Funktion haben, auf schlimmste Möglichkeiten vorzubereiten. Die meisten meiner Albträume lassen sich aus diesem Blickwinkel betrachten: Die geträumten Szenarien sind nicht (wie der Nachtmahr) völlig irreal, sondern Situationen, in die man als Mensch geraten kann, auch wenn die Wahrscheinlichkeit extrem gering ist:

  • Ich schreibe eine Klausur und weiß, dass alles, was ich schreibe, Unsinn ist und ich mein Abitur versaue. Ich war schon seit Jahren nicht mehr im Unterricht und jetzt, jetzt kommt es raus!
  • Ich bin in meinem Zimmer im Studentenwohnheim. Ich öffne einen Schrank, in einer Ecke finde ich vergessene und verfaulte Lebensmittel, Ungeziefer wimmelt darauf herum.
  • (Ähnlich: Ich halte ein Kleintier, habe mich lange nicht darum gekümmert, sehe in den Käfig und finde es tot und verwest.)
  • Ich habe jemanden ermordet (meist im Verbund mit anderen). Die Leiche könnte entdeckt werden, ich bin (anders als die anderen) in Panik!
  • Es ist 1939 oder 1914, in der Post ist mein Einberufungsbefehl – ich muss unmittelbar an die Front abfahren, ich schlottere vor Angst. Ich hätte irgendwas Bestimmtes tun müssen, um die Einberufung zu vermeiden. Ich habe es nicht getan, und jetzt ist es zu spät.

Diese Träume – die in Variationen von Zeit zu Zeit wiederkehren – sind wenig originell. Sie stehen offenbar sämtlich unter dem Leitmotiv eines vergangenen Handelns oder Unterlassens, das bösartige Folgen hat oder zu haben droht. Es sind also zweifellos schlimmste Möglichkeiten, die in ihnen vor Augen geführt und – sozusagen – trainiert werden. (Irgendwann bringe ich mal jemanden um und dann bin ich auf den Ärger mit der Leiche vorbereitet …)

Verwunderlich ist aber, dass andere und viel näher liegende Eventualitäten nie in meinen Träumen erscheinen, z. B. dass Angehörige sterben oder das Haus abbrennt oder mir eine Krebsdiagnose mitgeteilt wird. Warum nicht? Warum sind Möglichkeiten des Schuldigseins in meinen R.E.M.-Phasen so prominent vertreten und andere, wenigstens genauso gruselige Optionen viel weniger?

Zum Abschluss noch einen Albtraum von der irrationalen Sorte, den ich nur ein einziges Mal hatte, und der ein Plagiat  ist – was nicht meint, dass ich für diesen Blogbeitrag eine Traumerzählung geklaut habe. Nein, mein Unterbewusstes selbst hat den Traum gestohlen. – Er stieß mir zu, als ich im ersten oder zweiten Grundschuljahr war:

Ich sitze mit meiner Mutter am Küchentisch. Meiner Mutter fällt etwas herunter, ein Nähutensil, glaube ich, ich krieche unter den Tisch, um es aufzuheben und sehe, dass da bereits eine Hand ist, die nach dem Ding greift. Der Arm, an dem die Hand hängt, kommt aus der Wand. (Ich erwachte schreiend.)

Wer Rilkes „Malte Laurids Brigge“ gelesen hat, wird die Szene sofort wiedererkennen. (Wer den Roman nicht gelesen hat, sollte es vielleicht nachholen.) Bei Rilke ist das Erlebnis kein Traum, sondern eher eine Halluzination oder Vision und es gibt noch weitere Abweichungen (z. B. sitzt der Junge, der es erlebt, nicht neben seiner Mutter, sondern neben einer Erzieherin. Außerdem ist die Hand bei Rilke „ungewöhnlich mager“, während die Hand, die ich sah, schön war – der Arm steckte in meinem Traum übrigens in einer Art Rüstung, es war die Hand eines Erzengels).

Man wird mir glauben, dass ich als Grundschüler keine Werke Rilkes las (sondern Micky Maus und WAS-IST-DAS-Bände), das Buch war auch nie im Besitz meiner Eltern, ich habe das recherchiert. Mein Traum kann auch keine gefälschte Erinnerung sein, die etwa spontan entstand, als ich – mit ca. Anfang Zwanzig – den „Malte“ erstmals las. Denn dieser Traum war nicht irgendein Albtraum, den man zwischenzeitlich völlig vergißt, sondern es handelte sich um DEN  Albtraum meiner Kindheit. Er war mir zu allen Zeiten präsent.

Vor  meiner Rilke-Lektüre meinte ich übrigens durchaus zu wissen, woher das Motiv der „Hand aus der Wand“ stammt, nämlich zur Hälfte aus dem alten Testament (die „Menetekel„-Geschichte kannte ich aus dem Kindergottesdienst) und zur anderen Hälfte aus einer Darstellung in einem Bildband über die Indianer Nordamerikas – dort führten Schamanen eine Zeremonie aus, indem sie ihre Arme durch Löcher in einer Holzwand steckten.

Seit ich den „Malte“ kenne, nehme ich dagegen an (denn die Übereinstimmung ist einfach zu  groß), dass ich als Kind mit halbem Ohr oder vielleicht ganz ohne Bewusstsein eine Rilke-Lesung  im Radio mitbekam, denn das Radio lief ständig bei uns. – Dass ich der wiedergeborene  Dichter sein könnte, mich also selbst plagiert hätte, denke ich ausschließen zu können: Meine Studentenlyrik war zu lausig. (Sie ist es immer noch, denn ich habe sie nicht verbrannt.)

Zeitschleife

wickingerGeneral „Mad Dog“ Mattis, den Trump derzeit als Verteidigungsminister favorisiert, hat sich 2005 über den Umgang mit seinen militärischen Gegnern – den Taliban – wie folgt geäußert (CNN-Quelle hier):

„You go into Afghanistan, you got guys who slap women around for five years because they didn’t wear a veil,“ Mattis said. „You know, guys like that ain’t got no manhood left anyway. So it’s a hell of a lot of fun to shoot them.“

Trump ist ein erfahrener Vermarkter seines Familiennamens und seines eigenen Namens, und wie alle Marketing-Leute weiß er, dass erfolgreiche Werbung negative Vorurteile über das beworbene Produkt abbauen sollte. Eines der Vorurteile über Donald Trump besagt, dass er Frauen beinahe  so gering schätzt wie Farbige, an die seine Firma bis in die 70ger Jahre nicht vermieten wollte.

Dieses Vorurteil kann jetzt nicht mehr aufrechterhalten werden. Für „Mad Dog“ Mattis ist es, wie wir gesehen haben, ein ausgesprochenes Vergnügen, Frauenfeinde zu erschießen. Wer einen solchen Mann in sein Team holt, kann selbst kein Frauenfeind sein, wenn er nicht lebensmüde ist, und dafür hält man Trump nicht. – Die Ernennung ist ein cleverer Schachzug, ihr Ziel die Aufwertung der Marke Trump.

Ich gebe es zu: Mein kleiner Witz ist, äh, müde. – Die Sache selbst, die Bemerkung des Generals, ist sogar das Gegenteil von witzig, sie ist furchterregend.

Es ist naiv, zu glauben, dass das Töten von Menschen nur perversen Irren  Spaß machen könnte – die Menschheitsgeschichte ist eine Kriegsgeschichte: Wir stammen von erfolgreichen barbarischen Kriegern  ab, die zum Teil deswegen überlebten, weil sie ihr Handwerk mit Lust betrieben. Männer haben diese Erbschaft in ihren Genen, jeder Junge ist von Waffen fasziniert und malt sich (mit a hell of a lot of fun) ihre Anwendung aus, und das Haareausraufen grün wählender Eltern ändert daran nichts – der pazifistische Papa hat als Kind nicht anders getickt.

Und es ist nicht so, dass sich diese Faszination im Erwachsenenalter stillschweigend verliert. Im Unterschied zum Jungen weiß der zivilisierte Mann jedoch, dass es sich um eine fragwürdige  Faszination handelt. Man darf ihr nur in der Phantasie nachgeben oder virtuell – indem man z. B. Karl-May-Bücher liest, James-Bond-Filme anschaut, am PC herumballert oder ein Deko-Schwert über den Fernseher hängt. In der Wirklichkeit sind Waffen von Übel, sie dürfen nur in traurigen Ausnahmefällen eingesetzt werden, und Leute, die man fröhlich abmurxen kann, weil sie so schrecklich böse sind, dass ihnen alle Menschenähnlichkeit abgeht, gibt es nicht. Nicht wirklich.

Wie gesagt: Ein zivilisierter, erwachsener Mann hat das irgendwann gelernt. – „Mad Dog“ Mattis weiß es nicht, sein Fan Trump (der ihn, so wie man The Donald  kennt, sicher nicht trotz  der Bemerkung schätzt, sondern wegen) weiß es auch nicht. Das amerikanische Reich ist in den Händen der Barbaren, von denen wir abstammen – ein merkwürdiges Zeitschleifenphänomen, das auch die surrealen Gefühle erklärt, über die viele Zeitgenossen seit dem 9.11. klagen.

 

Siegen lernen

dsc_0008
Der Griff nach dem Sieg

Eigentlich wollte ich mich, wegen des Luther-Jahres, mit dem pöbelnden Reformator beschäftigen. Nun habe ich die Luther-Biographie zur Seite gelegt und befasse mich stattdessen mit President-Elect Trump, der mit Luther mehr gemein hat als nur den Hang zum Pöbeln. Martin Luther konnte – genau wie Donald Trump – auf deutsche Großeltern stolz sein und wie Trump überwand er arrogante Gegner aus dem Establishment durch den gekonnten Einsatz neuer Medien, wobei es sich in Luthers Fall um den Buchdruck handelte.

Beide Männer haben historische Bedeutung, die von Luther besteht u. a. darin, dass seine Tätigkeit eine Kette von Glaubenskriegen zur Folge hatte: Nach dem letzten lag Deutschland in Trümmern, ein Drittel seiner Bewohner war tot. – Da Trump noch nicht am Ende seines Wirkens ist, lässt sich seine historische Bedeutung und ob sie der von Luther gleichkommt noch nicht abschätzen, obwohl man bereits sicher sein kann, dass er eine hat. Selbst wenn seine Karriere noch vor Amtsantritt mit irgend einem lächerlichen Rückzug enden sollte (was ich mir vorstellen kann) – der Platz in den Geschichtsbüchern ist ihm sicher.

Der SPIEGEL zeigt auf dem Titelblatt einen Trump, der als glühender Komet auf die Erde losstürzt. Ich halte das für übertrieben. Wenn Trump fatal ist, dann sicher nicht für die ganze Welt. Jede Katastrophe hat auch ihre Günstlinge: Als die Osmanen Konstantinopel eroberten, ruinierte das den Gewürzhandel, aber es nützte den heimischen Kräutern, denn man brauchte sie jetzt als Ersatz. Der Untergang des oströmischen Reiches war der Beginn des Aufstiegs der Petersilie, die wir heute noch verwenden, obwohl sie schlechter schmeckt als die Gewürze Indiens. Ein cleverer Geschäftsmann hätte im Donnern der türkischen Kanonen das Zwitschern eines Vögelchens gehört: „Investiiiier in Petersiiilie!“

Wollen auch wir clever sein, sollten wir uns fragen, welcher Profit sich aus dem Einschlag des Kometen Trump ziehen lässt, anstatt entsetzt in den Himmel zu glotzen – wie die Schauspieler in Sturm/Kometen/Alien-Schinken der B-Klasse. Wir können den beleidigenden Stil von Trumps Wahlkampf als Ende der demokratischen Kultur bejammern, doch besser machen wir uns klar, dass dieser Stil seit letztem Mittwoch vom Erfolg geadelt ist. Man wird ihn kopieren, auch bei uns! Was das betrifft, heißt nämlich von Trump lernen siegen lernen – jedenfalls wird man das denken, und in deutscher Musterschülerhaftigkeit wird man es übertreiben.

Die Sprichwortlexika, aus denen die deutschen Politiker bislang ihre Volkstümlichkeiten, die durchs Dorf getriebenen Säue usw. bezogen, sind mit einem Schlag wertlos. – Was Politiker ihre Wahlkampfbürosklaven jetzt einkaufen lassen, sind Schimpfwortverzeichnisse. Unverschämte Lügen kann man auch ohne Lexikon produzieren, aber in einer öffentlichen Diskussion wird man auf eine Beleidigung aus dem Mund des politischen Gegners mit einer eigenen antworten müssen, und es darf nicht dieselbe sein. Hier benötigt man einen Vorrat, reichhaltig und flexibel, und ohne Fremdwörter, die überheblich wirken („Arschgesicht“ ist gut, „Butthead“ ist schlecht, denn das versteht nur die Elite). – Für solche Nachschlagewerke entsteht ein Markt, gerade jetzt, und wer clever ist, investiert dort, denn es ist ein goldener Markt.

Ich meine das ganz ernst. – Es mag sein, dass Trump in den nächsten Wochen der Kuckuck aus der Stirn springt* (ich habe das aus der ZEIT, die den Ausdruck von Gore Vidal hat), so eindrucksvoll, dass seine Amtsunfähigkeit auch für Rust- oder Bible-Belt-Bewohner sichtbar wird. Vielleicht stellt sich auch heraus, dass Putin Trump erheblich mehr zuwachsen liess als warme Worte und Clinton-Mails, oder irgendeine andere Scheiße aus seiner scheißereichen Familien- und Firmengeschichte fliegt in den Ventilator und The Donald um die Ohren. – Auch wenn das passieren sollte, und uns Trump als amtierender US-Präsident erspart bleibt: Die Tatsache, dass jemand in einer großen und alten Demokratie mit solchen Mitteln einen Wahlsieg erzielt hat, bleibt und wird nachwirken.

* Man denke hier an eine Kuckucksuhr, nach Mussolini / Orson Welles (in „Der dritte Mann“) die bedeutendste Hervorbringung der Schweizer Nation, über welche Trump – meines Wissens – noch nichts Abschätziges gesagt hat.